Mit 17 verlobt und mit 19 verheiratet? Gedanken über’s jung Heiraten

Sommer 2011.

Er war gerade 18 geworden. Das Abi war beendet und jetzt machte er in der Pause zwischen Schule und Mission seinen Führerschein. In zwei Monaten würde er für zwei Jahre in die Schweiz gehen, um dort Menschen einzuladen, zu Christus zu kommen.

Ich war 15 und kam gerade aus meiner ersten ernsteren, sehr schwierigen Beziehung. Ich wollte von Jungs die nächsten fünf Jahre (mindestens!) erstmal nichts mehr wissen und meine Jugend verbringen, wie ich sie bis dahin hätte verbringen sollen: mit meinen Freunden, mit Quatsch machen, Lernen und einfach Leben. Ich war sicher nicht gewillt, diese neu gewonnene Freiheit irgendwann demnächst wieder aufzugeben.

Ich hatte gerade die neunte Klasse beendet und kam von einer Tagung mit meiner besten Freundin nach Hause. Wir hatten die ganzen Sommerferien vor uns und nahmen uns vor, durch Gemeinden zu reisen und andere Mädels zu besuchen. Eine Gemeinde hatte nur ein Mädchen in unserem Alter – sie besuchten wir zuerst. An dem Tag verpassten wir unseren Zug nach Hause und wurden von seiner Familie zum Essen eingeladen.

Niemals hätte ich gedacht, dass er und ich den Nachmittag damit verbringen würden über unsere Lieblingsserien, unsere Leben, Gott und die Welt zu reden, viel zu lachen und dass wir letztendlich als Facebookfreunde mit Hang zum chatten enden sollten.
Er verstand mich, wie noch nie jemand vorher. Er mochte mich einfach so – ohne vorher eine Liste an Bedingungen abhaken zu wollen, wie die meisten Menschen in meinem Leben.
Wir waren gute Freunde. Wir wurden beste Freunde. Bis wir ein paar Wochen später (trotz meines Schwurs) die schönste, aufrichtigste und gesündeste Beziehung anfingen, die ich jemals haben durfte. Wer hätte gedacht, dass das Gefühl von Freiheit nichts mit Single sein zu tun hat?

Neun Jahre später sind Julian und ich seit fünf Jahren verheiratet. Er ist damals, ein paar Wochen nach unserem Beziehungsstart, tatsächlich für zwei ganze Jahre in die Schweiz gegangen – ohne Kontakt über Telefon, Email oder Chat. Wir haben uns zwei Jahre lang jede Woche Briefe geschrieben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Einen Monat nach meinem 19. Geburtstag und nach eineinhalb Jahren Verlobung habe ich also die Liebe meines Lebens geheiratet.

Die meisten, denen ich das erzähle, sind erstmal etwas überrumpelt. War ich schwanger? Wurden wir gezwungen, zu heiraten? Muss man „in unserer Kirche“ so früh heiraten? Sind diese Fragen erstmal mit „nein“ beantwortet, kommen weitere auf.
Wie haben wir die Hochzeit finanziert? Wo haben wir geheiratet? Und vor allem: WARUM?

(Kurz vor unserer Verlobung im November 2013)

Allein entfalten oder gemeinsam entwickeln 

Ein großer Punkt, warum wir uns für eine frühe Hochzeit entschieden haben, war, dass wir es schön finden zusammen die meisten Erfahrungen zu machen, die man heutzutage eher erstmal allein macht. Ich hatte zwar schon mit 17 meine erste eigene Wohnung, aber wir sind in das richtige Erwachsenenleben zusammen hineingewachsen (und tun das heute noch!). 

Während manche vielleicht Angst haben, sich selbst nicht zu finden oder wieder zu verlieren, finden wir es – im Gegenteil – schön, zusammen zu gehören. Ich liebe es, dass ich mich mit Julian gemeinsam entwickle. Wir wachsen quasi nebenbei auch in unserer Beziehung zusammen, während wir uns als Einzelperson weiter entfalten.
Ich kann mich auf meinem Weg direkt auf ihn einstellen, ohne schon viele Gewohnheiten oder Eigenschaften entwickelt zu haben, die vielleicht schwierig wären, in einer Ehe aufzugeben oder zu ändern. Letztendlich ist es ja das, was eine gute Beziehung ausmacht – Kompromisse zu finden und zu leben. 

Ich glaube zum Beispiel, dass ich, wäre ich viel länger allein gewesen, mich sehr an meinen eigenen Kopf gewöhnt hätte und an MEINE Art und Weise, Dinge zu erledigen. Das ist ja so schon genug passiert. ;D
Ich hätte ihm und seinen Ideen und Ansichten auf manche Dinge vermutlich anfangs viel weniger Raum gegeben und hätte sie schneller abgetan, weil ich es eben mein Leben lang einfach anders gemacht hätte.

Das heißt aber natürlich nicht, dass es nicht funktioniert, wenn man sich erst später im Leben kennenlernt. Manchmal wünscht man sich eine frühe Ehe vielleicht, aber man findet einfach nicht das Gegenstück – schließlich leben wir nicht in einer idealen Welt, in der jeder den anderen an die erste Stelle setzt oder wirklich bereit ist, eine ernste Beziehung einzugehen.

Für uns persönlich war dieser Weg sicher einfacher, aber so haben wir halt auch andere Probleme, vielleicht dass der/die eine früh Aufgaben übernimmt, die eigentlich beide übernehmen sollten, und der/die andere sich dann in dem Bereich eher und schneller gehen lässt und den anderen alles machen lässt und anders herum.

(Mein Abiball im Frühjahr 2014)

Ehe in der Kirche Jesu Christi

Es ist in unserer Kirche tatsächlich gängig, relativ früh zu heiraten. Das ist auf keinen Fall ein Muss – aber es wird, würde ich sagen, unterstützt und gefördert. 

Ich bin als Mitglied der Kirche Jesu Christi aufgewachsen. Ich wurde quasi hineingeboren – meine Eltern haben mich und meinen Bruder jeden Sonntag mitgenommen und es wurde der Glaube an einen liebevollen, gütigen himmlischen Vater und seinen Sohn Jesus Christus in mein Herz gepflanzt.
Das wichtige Wort hier ist „gepflanzt“. Ja, ich bin mit der Kirche und den Lehren groß geworden – doch das bedeutet nicht, dass mein Glaube mir geschenkt wurde. 

Ich habe viele Gebote kennengelernt, habe viel über die Geschichte Christi, über unser ewiges vorirdisches, irdisches und nachirdisches Leben herausgefunden. Ich habe viel in der Bibel und dem Buch Mormon gelesen und wurde darüber belehrt, was es heißt, Jesus Christus nachzufolgen.

Doch all diese Dinge haben mir nicht das gegeben, was mich zu der Entscheidung gebracht hat, zu bleiben: mein Zeugnis – mein Glaube, dass diese Dinge wahr sind.
Dieses Zeugnis ist auch nichts, was ich irgendwann von meiner Liste abhaken konnte als „geschafft“ – ich denke nicht, dass ich das jemals kann. Glaube ist kein one-time-archievement, sondern ich muss täglich dafür arbeiten. Ich muss mich jeden Tag damit auseinandersetzen, muss die offenen Fragen angehen und lernen, beten und zuhören.
Dass ich in der Kirche bin bedeutet auch nicht, dass ich nie unbeantwortete Fragen oder schwierige Zeiten habe. Für mich bedeutet es aber, nicht aufzugeben, bis meine Fragen für mich ausreichend beantwortet sind und auch schwierige Zeiten manchmal einfach durchzustehen.

Ich muss jeden einzelnen Tag gegen die andere Seite ankämpfen und gegen das Monsterpotenzial, das in jedem von uns steckt, um dem göttlichen Potenzial, das ebenfalls jeder von uns in sich trägt, Platz zu geben.

Wir glauben auch, dass wir für unser Leben und für uns persönlich Führung von Gott empfangen können, auch wenn es nur ein kleiner Rahmen scheint. Wir glauben, dass Offenbarung nicht aufgehört hat nach dem Neuen Testament.
Julian und ich haben also auch viel gebetet, gefastet und sind zusammen in den für uns heiligsten Ort, einen Tempel, gegangen, um Antworten auf unsere Fragen zu bekommen. Dort wurden wir übrigens auch nach der standesamtlichen Trauung für die Ewigkeit aneinander gesiegelt – über den Tod, der uns scheiden sollte, hinaus.

Warum ist die Ehe aber überhaupt so wichtig für uns? Warum leben wir nicht erstmal einfach zusammen, wie die meisten Menschen?
Wir geben, wie viele andere Menschen, unser Bestes, um uns an etwas, das „Gesetz der Keuschheit“ heißt, zu halten – kurz gesagt: dass wir keine sexuelle Beziehung von der Ehe eingehen.
Dieses Gebot ist wichtig für uns, weil Sex eine heilige Angelegenheit ist (auch, wenn es in der Welt leider meistens als gegenteilig hingestellt und benutzt wird). Etwas sehr Gutes, was aber mit Sorgfalt und im richtigen Rahmen – der Ehe – zu genießen ist. Warum?

So eine Beziehung beinhaltet einen Teil der Schöpfungskraft – neues Leben auf diese Erde zu bringen. Das ist etwas sehr wertvolles, sehr cooles – aber auch etwas enorm verantwortungsvolles.

Wir sollen auch vor viel Unheil geschützt werden. Würde sich jeder daran halten – stellt euch vor, wie viel Schmerz, Trauer, Angst, Reue, Unsicherheit, Gefühl von Unerwünschtheit und Streit auf allen Seiten (Mutter, Vater, Kind und andere Beteiligte) gespart werden könnte.
Es würde auch nicht alles perfekt machen, aber es würde diese Welt sicherlich zu einem besseren, weniger leidvollen Ort machen. 

Vor allem für diejenigen, die eigentlich gar nichts mit der Entscheidung zu tun hatten, aber oft die Leidtragenden sind – die Kinder, die nicht gewünscht waren, die nur einen Elternteil haben, die abgetrieben werden, zur Adoption freigegeben werden müssen, in schwierigeren Verhältnissen aufwachsen als sie müssten oder, bevor sie überhaupt ihr erstes Wort sprechen können, schon ihr halbes Leben außerhalb des Zuhauses in Krippen verbringen müssen.

Woher wussten wir denn dann, ob es überhaupt klappt zwischen uns? 

Ganz einfach: Wir wussten es nicht. Wir hatten uns nur versprochen, jeden Tag, jeden Monat und jedes Jahr unser absolut Bestes zu geben. Und wenn mal nicht, uns zu entschuldigen, zu vertragen und es am nächsten Tag wieder zu versuchen.

Natürlich waren wir, gerade am Anfang, sehr verliebt (jap, alle single Menschen und älteren Paare waren sehr genervt von uns). Und wir sind beides Menschen, die sich in Beziehungen komplett aufgeben und alles von sich reinstecken.
Aber nach vier Jahren Beziehung (auch, wenn wir zwei Jahre physisch komplett getrennt voneinander waren wir nie zusammen gelebt haben) waren wir bei der Hochzeit über die Honeymoonphase auf jeden Fall hinweg.

Viele Menschen glauben, dass es nur DEN EINEN Menschen gibt, der uns glücklich machen kann. Sie suchen nach ihrem/ihrer Seelenverwandten, Mr. oder Mrs. Right. Und wenn eine Beziehung nicht klappt, wenn es nach ein paar Monaten oder Jahren schwierig wird, geben sie auf – schade, es war wohl doch nicht der/die Richtige.

Ich persönlich glaube, dass das nicht so ist. Ich glaube, dass wir mit fast jedem glücklich werden könnten, solange beide ihr absolut Bestes geben – solange beide versuchen, sich an die Grundsätze zu halten, einander immer treu und loyal zu sein, einander selbstlos und bedingungslos zu lieben (das muss nicht unbedingt romantisch sein), ehrlich und nachsichtig zu sein, schnell um Entschuldigung zu bitten und schnell zu vergeben und die Bedürfnisse des anderen vor die eigenen zu stellen. Das ist das, was wir (eben auch durch unser Bestreben, Christus ähnlicher zu werden), durchgehend versuchen. Deshalb, glaube ich auch, dass selbst arrangierte Ehen sehr gut funktionieren können (obwohl ich natürlich kein Fan davon bin, jeder muss sich seinen Lebenspartner selbst suchen dürfen!).

Ich möchte die Zeit, in der Julian und ich gedatet haben, wirklich nicht vermissen – aber diese Zeit repräsentiert eine Ehe überhaupt gar nicht. Jeder versucht, ausschließlich seine beste Seite zu zeigen und serviert dem anderen die Welt auf einem Silbertablett.
Das rosarote und leidenschaftliche Verliebtsein, die Schmetterlinge, das Herz, das in die Hose rutscht – das war alles wundervoll und ich weiß, dass er mein Traummann ist.

Aber ich würde dieses Verliebtsein niemals eintauschen wollen gegen die Liebe, die Julian und ich heute haben.
Wie anstrengend das auch wäre und wie fortschrittslos, immer so zu tun, als wäre man viel toller, als man eigentlich ist. Ich bin so dankbar, dass ich bei ihm 100% so sein kann, wie ich bin. Ich kann meine Gedanken frei aussprechen, ich kann ihm alle meine Sorgen und Ängste, aber auch die schönen Momente erzählen, kann mich aufregen und freuen und wenn doch mal die unschönere Seite hervorkommt, weiß ich, dass er mich trotz allem niemals verlassen würde.

Diese Sicherheit, dass wir für immer zusammen bleiben – egal, wie doof der andere ist, wie genervt wir davon sind, dass der eine nie die Socken aufhebt und die andere das Geräusch von Hautabknibbeln nicht abkann – ist das Urvertrauen, das für mich für eine erfolgreiche Ehe wichtig ist. Nicht in der Angst leben zu müssen, dass ich sein letztes Eis aufesse und er sich prompt scheiden lassen will. Und für solche Situationen, in denen man den anderen am liebsten an die Wand klatschen will, heißt es einfach: nicht aufgeben. Durchhalten. Sein Bestes geben und vielleicht selbst schauen, was man besser machen kann (auch wenn man denkt, der andere müsste mal anfangen) – dann kommen wirklich wieder schönere Zeiten zusammen.

(Unser Verlobungsshooting 2014)

Finanzen

Ein weiterer Punkt, den viele in unserem Alter für unmöglich halten. Wie haben wie die Hochzeit finanziert?

Wir hatten für unsere Hochzeit ca. 100 Gäste geladen, die auch fast alle gekommen sind. Aber unsere Hochzeit war eine recht schlichte doch liebevolle – und längst keine 20.000€ Hochzeit.
Viel Hilfe und Unterstützung kam von unserer Familie und unseren engsten Freunden; zum Beispiel hat ein Onkel von Julian unsere Fotos als Geschenk gemacht (die eigentlich so viel mehr als ein normales Geschenk gekostet hätten, das ist mir heute, da ich nebenbei als Fotografin arbeite, sehr klar). Dafür sind wir heute noch unendlich dankbar.

Die Monate vor unserer Hochzeit haben wir aber auch geackert und gespart, gespart, gespart. Wir hatten beide in der Zeit mehrere Jobs und haben von unseren Eltern das Geld, das als Geschenk gedacht war, für die Hochzeit ausgegeben.
Trotzdem würden wir es heute nicht anders machen.

Der Tag an sich war wunderschön, aber auch sehr stressig – es war für uns aber nicht der „schönste Tag in unserem Leben“, und das ist völlig okay. Wir wollten ehrlich gesagt vor allem, dass unsere Gäste eine tolle Zeit haben konnten.
Vor allem war der Tag auch einfach eins: schnell vorbei. So schnell vorbei. Ich bin froh, dass wir nicht zehntausende von Euros für einen Tag verschossen haben, der zwar in schöner Erinnerung bleibt, aber trotzdem einfach nur 24 Stunden dauert. 

Uns war es in dem Moment und persönlich wichtiger, früh eine unbezahlbare Ehe eingehen zu können, als später eine kaum bezahlbare Hochzeit zu haben.

(Unsere Hochzeit im Februar 2015, mit meinen Brautjungfern / Foto von ms-fotoservice.de)

Würden wir es wieder machen?

Für uns waren die letzten neun Jahre der größte Segen unseres Lebens und wir können kaum erwarten, was die nächsten 70 für uns bereithalten. 

Durch Schmerz, Freude, Leid und Hoffnung gehen wir immer Seite an Seite und ich wüsste nicht, wo ich jetzt ohne meinen Mann wäre. Wirklich. 

Also, die Antwort lautet: Ja, ohne mit der Wimper zu zucken würden wir uns wieder und wieder für diesen Weg entscheiden. 

(Tempelbesuch im Juni 2020)

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